Für eine vielfältige Vielfalt

Veranstaltung zu Migration, sexueller Orientierung und Geschlechtsidentität am 10. Dezember 2016 in Bern:

2017 sind es zehn Jahre, seit die Schweiz gleichgeschlechtliche Partnerschaften rechtlich anerkennt. Vielfalt kommt langsam in unserer Gesellschaft an. Aber noch nicht überall: Geht es um Migration, wird sexuelle und Identitätsvielfalt gerne als «heikel» ausgeklammert. Deshalb freuten sich die Veranstalter*innen des Anlasses «Vielfalt leben – Migration, Homosexualität, Transgender» am 17. Mai im Basler Gundeldingerfeld besonders über die Anwesenheit von Vertreter*innen aus dem Migrations-/Integrationsbereich im zahlreichen Publikum.

Nasser El-Ahmad, der von seinem Vater wegen seiner Homosexualität entführt wurde und in den Libanon verschleppt werden sollte, um dort Zwangsverheiratet zu werden.

Nasser El-Ahmad, der von seinem Vater wegen seiner Homosexualität entführt wurde und in den Libanon verschleppt werden sollte, um dort Zwangsverheiratet zu werden.

Wenn mehr als jede dritte Person in der Schweiz einen Migrationshintergrund hat und Homosexualität überall vorkommt, dann können nicht-heterosexuelle Orientierungen auch unter Migrant*innen kein Randphänomen sein. Doch unterschiedliche sexuelle Orientierungen als Teil des Menschseins sind längst nicht für alle selbstverständlich, auch nicht in der Schweizer Mehrheitsgesellschaft. Das zeigen paläokonservative Strömungen mit homophoben Ansichten, wie sie auf katholischer Seite etwa Bischof Vitus Huonder verkörpert. Immer mehr Länder, darunter Südafrika oder Argentinien, kennen mittlerweile die gleichgeschlechtliche Ehe. Statt von dort einwandernde lesbische und schwule Ehepaare hierzulande auf eine eingetragene Partnerschaft herabzustufen, liesse sich die Schweizer Rechtslage progressiv weiterentwickeln. Ein «schweizerischer» Überheblichkeitsdiskurs beim Thema sexuelle und Identitätsvielfalt ist also nicht angezeigt.

Umgekehrt gilt es auch nichts zu beschönigen. Nicht-heterosexuelle Personen mit Migrationshintergrund stossen in ihren Herkunftsgemeinschaften in der Tat zuweilen auf Ablehnung. Schlagzeilen wie die folgende verweisen auf bedrückende Erfahrungen: «Vater hätte lieber Krebs als einen schwulen Sohn – Wie leben türkische oder kosovarische Schwule in der Schweiz?». Gerade schwule Männer werden durch starre Rollenbilder der Geschlechter in ihrer persönlichen Freiheit eingeschränkt. Wenn Männer quasi Opfer des eigenen männerdominierten Systems sind, dann kommt das einer «patriarchalischen Selbstgeisselung» gleich. Die Verantwortung dafür liegt aber nicht nur bei den Vätern. Frauen spielen bei der Verteidigung und Verstetigung von normierten Geschlechterrollen eine wichtige Rolle. Das zeigt dieser Fall, von dem Migration & Menschenrechte Kenntnis erhielt: Als eine Mutter auf dem Mobiltelefon ihres Sohnes Bilder von ihm und seinem Freund entdeckte, zerschlug sie eine Glasflasche auf seinem Kopf und fügte ihm damit mittelschwere Verletzungen zu. Hier wie überall, wo es um Freiheitsrechte geht, sind solche Taten, Verletzungen und Verzweiflungen zu verhindern.

Das bedeutet Aufklärung, Engagement und Integration statt Ausgrenzung, Verachtung und Barbarisierung. Denn leider wird die negative Haltung konservativer Migrant*innengruppen gegenüber Homosexualität und diverse Geschlechtsidentität oft als «Gradmesser» für die «Rückständigkeit» von Migrant*innen instrumentalisiert. Dies kann sich auch in einer unterschwelligen bis offenen Islamfeindlichkeit unter Personen und Organisationen im LGBTI-Bereich äussern. Auf wie vielfältige und unglückliche Weise die Thematik als «Spaltpilz» wirken kann, zeigt der Fall des unter der Homophobie seiner Herkunftsfamilie leidenden Nasser Al-Ahmad in Berlin: Der junge deutsche LGBTI-Aktivist mit libanesischen Wurzeln hatte seine Familie, die ihn wegen seines Lebensstils misshandelt und entführt hatte, verklagt. 2014 organisierte er einen Demonstrationszug in Berlin, der durch den nördlichen Teil Neuköllns zog, wo ein grosser Teil von Muslim*innen lebt, was wiederum für Aufruhr sorgte.

Dies zeigt: Wenn Direktbetroffene sich gegen ihre eigenen Gemeinschaften wenden, dann kann dies zur zusätzlichen Vulnerabilität von Migrant*innen beitragen. Solche polarisierenden Konfrontationen müssen aber nicht sein: In Frankreich unterhält die Vereinigung der «Homosexuels musulmans de France» zum Beispiel sogar eine «gay-friendly» Moschee.

Mehrfachzugehörigkeiten können zu Mehrfachdiskriminierungen führen, zum Beispiel als Transperson und gleichzeitig als Mensch mit Migrationserfahrung. Die Spannungsfelder von unterschiedlichen Identitäten und Zuschreibungen lassen sich aber auch positiv umdeuten. Sadiq Khan, seit Mai Londoner Bürgermeister, reflektierte dies in einem Zeitungsinterview: «Ich bin Londoner, Brite, Engländer, asiatischstämmig, ein Familienmensch, lange leidender Liverpool-Fan, Fabianer und Muslim». Khan setzt sich auch explizit für die Rechte von homosexuellen und transidenten Menschen ein.

Die Debatte über gegenseitige Akzeptanz und den Abbau von Vorurteilen hat der Verein Migration & Menschenrechte zusammen mit LOS Schweiz, Pink Cross, dem Transgender Network Schweiz und lokalen Organisationen auf unterschiedlichen Ebenen initiiert. Die Aktivitäten umfassen öffentliche Veranstaltungen, Vernetzung und Workshops zur Sensibilisierung sowie eine Informationskampagne.

Mit dem zweiten öffentlichen Event in Bern am 10. Dezember 2016 und in hoffentlich zahlreichen Projekten von LGBTI-Organisationen wird diese Debatte weitergeführt – für eine wahrhaft vielfältige Vielfalt.

Samstag, 10. Dezember 2016, Internationaler Menschenrechtstag, 12 bis 16 Uhr
Haus der Religionen, Europaplatz 1, Bern

Der Eintritt zur Veranstaltung ist frei; Mittagessen gegen einen Solidarbeitrag von 10 Franken pro Person.

Programm:

  • Musik von Msoke, Reggae-Musiker mit tansanischer Herkunft und Transgender-Erfahrung
  • Inputreferate von Expert_innen
  • Vorführung Sensibilisierungsfilm von Migration & Menschenrechte
  • Podium mit Gästen und Diskussion
  • Interkultureller Apéro und Mittagsimbiss

Gäste, Inputreferate und Podium:

  • Msoke, Reggae-Musiker mit tansanischer Herkunft und Transgender-Erfahrung
  • Revathi Arumuga, LGBTI-Aktivistin, Autorin und Schauspielerin aus Indien
  • Maria von Känel, Geschäftsführerin Verein Regenbogenfamilien
  • Thanuja Thanabalasingam, Tänzerin, Transgender-Aktivistin und -Beraterin und Koordinatorin
  • Mohamed Abderahim, LGBTI-Aktivist, HAB Vorstand, Berner Stadtrat
  • Anu Sivaganesan, Juristin, Präsidentin Migration & Menschenrechte

Um Mehrfachdiskriminierungen anzugehen, ist eine differenzierte Auseinandersetzung zu Migration, sexueller Orientierung und Geschlechtsidentität in der Schweiz dringend vonnöten. Diskutiere mit …

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